Seegeschichten

IST NUN ´MAL PASSIERT! Seegeschichten aller Art

ist nun ´mal passiert

Die kleine aber gar nicht so unscheinbare Welt der traditionellen Segelschiffe, meist kleine Küstensegler, die noch Anfang des 20. Jahrhunderts ihr Geld in der Fischerei oder Frachtfahrt verdienten ist in ihrer heutigen Ausprägung für die meisten Menschen mehr oder minder terra incognita. Daran hat auch das massierte in Erscheinung treten dieser alten Segelschiffe bei Großveranstaltungen wie Kieler Woche, Hansesail Rostock und insbesondere der Rumregatta in Flensburg nicht viel geändert. Was sind das für Leute, die hinter diesen alten Schiffen stecken, sie pflegen und in Fahrt halten?

Ich habe in den vergangenen 10 Jahren in dieser Szene so viel erlebt, daß meine mir angeborene Faulheit es verbot, hier alles aufzuschreiben, was mir in diesen 10 Jahren widerfahren ist – zumal sich allzu vieles wiederholen würde, da in bereits existierender Literatur zum Thema Seefahrt mehrfach nachzulesen („Nach 7 Tagen flaute der Sturm etwas ab, so daß wir eine Halse wagen konnten….“). Ich habe mich daher auf die Begebenheiten beschränkt, über die ich am herzlichsten lachen konnte und noch heute kann.

Leseprobe “Ist nun ‘mal passiert” – Flaggengebräuche

Martin ist mein Vetter.  Eigentlich betreibt er ein Industriemuseum, das heißt: er sammelt alle möglichen alten Maschinen und Fahrzeuge,  die  von ihren Besitzern  zur Verschrottung ausgemustert wurden und setzt diese wieder perfekt in Stand.

Martin bevorzugt eher wuchtige Sammlerstücke – so ab 50 t aufwärts. Ich suche für meine erste Saison 1995 einen Bootsmann, Martin hat Lust dazu und heuert an. Der Braunkohlebagger, den er gerade restauriert, kann warten.

Martin wurde wahrscheinlich schon mit Mütze geboren. Kein Mensch hat ihn je ohne seine Schirmmütze gesehen. Dazu trägt er eine Latzhose aus solidem feuerfesten Material, wie sie von Werftarbeitern bei Schweißarbeiten bevorzugt wird. Sicherheitsstiefel, in denen die Füße unter Verzicht auf Socken stecken, runden das Bild nach unten ab. Martin ist selbst für norddeutsche Verhältnisse nur schwer aus der Ruhe zu bringen.

Kieler Woche. Wir haben gerade unseren Liegeplatz verlassen und segeln mit einer Gruppe pensionierter Marineoffiziere, überwiegend Admiräle. Einer von diesen, ein feiner alter Herr, kommt zu mir mit einem säuberlich gefalteten Textil in Vorhalte. Dies sei die Flagge ihrer Marine – Kameradschaft, ob ich die vorheißen könne. Kein Problem!

Martin übernimmt das Ruder, ich die Flagge. Die Flagge misst 1,50 x 3 m. Ich muß mir erst einmal ein Bild machen, feststellen, welches Ende nach oben gehört. Normalerweise haben Flaggen oben ein Auge, unten einen Stropp, an denen die Flaggenleine angeschlagen wird. Beide Elemente sind auch bei dieser Flagge vorhanden.

Ich nehme das Auge in die eine Hand, den Stropp in die andere und entfalte die Flagge, so daß wesentliche Teile derselben an Deck landen. Das Auge gehört auch im vorliegenden Falle tatsächlich nach oben. Ich heiße die Flagge auf.

Als ich damit fertig bin, die Flaggenleine belegt und aufgeschossen ist, tippt mir der Admiral von hinten auf die Schulter und sagt so leise, daß keiner der Umstehenden etwas mitbekommt: „Übrigens, eine Flagge darf man niemals an Deck fallen lassen!“

Oha! Mit Flaggengebräuchen haben wir bei uns an Bord nicht viel im Sinn. Martin noch viel weniger als ich. Andererseits: auch bei uns ist der Kunde König. Ich werfe einen Blick in den Besantop, wo normalerweise unsere Nationale gesetzt ist.

Im Moment ist das leider nicht der Fall. Martin hat heute Morgen den Ölstand der Maschine kontrolliert, brauchte dazu wohl einen Lappen.

Angesichts der Wertschätzung, die unsere Gäste Flaggengebräuchen entgegenzubringen scheinen, dünkt es mir dringend geboten, die Nationale schnell und unauffällig zu setzen.

„Setz´ ´mal die Nationale“ raune ich Martin zu und verwickle den Admiral in ein Gespräch, um ihn abzulenken. Bisher hat keiner bemerkt, daß wir ohne Nationale segeln.

Martin taucht in den Navigationsraum ab, kommt wenig später mit unserer –arg mitgenommenen- Nationalflagge wieder hoch und beginnt an der Flaggenleine herumzunesteln.

Dies dauert ungewöhnlich lange. Martin beherrscht alle dafür erforderlichen Knoten. Daran kann´s nicht liegen.

Plötzlich erfahre ich und mit mir Jeder an Bord den Grund.

Martin brüllt mir quer über Deck  zu:

„Peter, wie war das noch? 

Schwarz oben oder wie?“